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Mit dem Schiff in ferne Länder |
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1970 und 1971 Ausschnitt aus einem Reisebericht meiner Seefahrt Alle Rechte beim Webmaster (c) 2000 - 2011 |
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Bücher über abenteuerliches Yachtsegeln umd die Welt - und Fahrrad-Weltumrundung. |
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Meine Schiffe: MS Helga Russ - MS Hornstern - MS Sloman Alsterblick - MS Falkenstein - MS Sloman Alstertor |
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♫Hamburg ist ein schönes Städtchen, weil es an der Elbe liegt, darin wohnen viele schöne Mädchen, aber keine ... ♫. Meine erste Unterkunft war das Fremdenheim Sankt Pauli, Reeperbahn 154, ich zahlte 12 DM je Nacht, und weitere. |
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Als erstes meldete ich mich beim Seefahrtsarbeitsamt in der Admiralitätsstraße 55 (heute nicht mehr dort). Es klappte sofort, man bot mir an, als Steward zu fahren, endlich geht es los! Damit bekam ich ab den 23. Februar 1970 auch Quartier im Seemannshaus, Seewartenstraße 9, zweiter Stock, Zimmer 52, Bett 2, das war billiger als die Hotels. Ich mußte mich bei der Reederei Ernst Russ in den Alsterarkaden 26 melden. Diese schickte mich erst einmal zur Seeberufs-Genossenschaft in der Reimerstwiete 2, wo die Seediensttauglichkeit festgestellt werden mußte, am 25. erhielt ich das benötigte Seediensttauglichkeitszeugnis und übergab es der Reederei. Dort bekam ich am 27. meinen ersten Heuerschein, das ist ein Arbeitsvertrag für Seeleute. Eingestellt wurde ich zum 28. Februar und bekam auch ein Seefahrtsbuch, das ist ähnlich einem Reisepaß, ich habe meines noch. In diesem werden der Beginn, das Ende und die Tätigkeit auf dem jeweiligen Schiff eingetragen. Der amtliche Reisepaß verbleibt bei der Schiffsführung. Nun zählte auch ich mich schon zu dem sagenumwobenen, legendären Kreise der deutschen Seefahrer dazu. Das war schon spannend. Hunger!, Hunger!, kein Geld!, steht in meinem Kalender. Die Reederei teilte mir mit, daß mein Schiff, die MS Helga Russ am 1. März 1970 in Brunsbüttel Koog an der Schleuse des Kaiser-Wilhelm-Kanales morgens ankommen würde, das liegt in Schleswig Holstein. Dazu müßte ich schon am Tage davor dorthinfahren und in der dortigen Baracke übernachten, bei Sartorius-Berger. Über Itzehoe fuhr ich an die nämliche Schleuse, es war schon duster als ich ankam, und deshalb verirrte ich mich zuerst in das Seemanns-Frauenheim. Am nächsten Morgen wurde ich von einem älteren Seemann, der aus dem Urlaub zurückkam und auch dort für ein Schiff übernachtete, geweckt. Die Spannung in mir erzeugte nicht gerade eine himmelhochjauchzende Stimmung, vielmehr überfiel mich ein beklommenes Gefühl, ich mußte mich zusammenreißen. Mitten beim Frühstück eilte der andere zur Tür herein und sagte: los, los, das Schiff ist da, pack deine Sachen. Ich hatte ganz schöne Angst vor dieser neuen Situation, aber da gab es kein Zürück mehr. Da lag es, mein erstes Schiff, der Name des Schiffes stand bereits in meinem Seefahrtsbuch und nun lese ich ihn auch auf dem Bug des Schiffes, Helga Russ. (weiter im Kasten rechts) |
Die Taue wurden an Land geworfen und festgemacht, extra für mich und dem, den ich ablösen sollte. Es war eiskalt und die Ostsee war zugefroren. Der Aufstieg zum Schiff über die Gangway war sehr steil, und sie war so schmal, daß gerade ein Mensch Platz hatte. Ich war in großer Sorge, denn ich stellte mir vor, daß ich schon Mühe habe alleine über diese wackelige, steile Treppe hinaufzukommen und ich habe einen mittleren und zwei richtig schwere, große Koffer. Ich dachte einerseits an das Abstürzen in das eiskalte Wasser, andererseits wollte ich aber auch ein ganzer Mann sein und mich nicht gleich zu Beginn blamieren. Was tun? Ein Matrose oben erkannte durch mein Zögern meine Not und schnappte gleich einen großen Koffer. Oben bat er einen der Matrosen, mir den nächsten hochzutragen, als dieser herunterging, nahm ich schnell den kleineren Koffer, damit blieb für ihn nur der große, schwere übrig. Er brummte wohl etwas wie, was nimmst du denn soviele Koffer mit, wenn du sie nicht hochtragen kannst. Ach, der hat doch keine Ahnung von mir, das dies meine erste Fahrt ist, und das ich kein Zuhause habe und deshalb mein ganzes Hab und Gut immer mitnehmen muß, wie die Schnecke ihr Häuschen. Aber das will ich ihm gar nicht sagen, sonst würden sie doch nur über mich lachen, und das tut nicht gut. Man ließ mir nicht einmal Zeit alle Koffer in meine Kabine hinunterzutragen, das Schiff mußte los, und deshalb muß die Übergabe meines neuen Arbeitsplatzes schnell vor sich gehen. Ein Anlernen war nicht möglich. Schnell erklärte mir der scheidende Messesteward was ich zu tun habe, wo das Geschirr ist usw. Ja, er sagte noch, daß das Bullauge in der Pantry (ein kleiner Raum wo das Geschirr war, die Brote geschmiert, der Kaffee gekocht wurde, einfach der Arbeitsraum des Stewards) stets geschlossen bleiben sollte, sonst kann es passieren, daß ich von den Meereswellen nichtsahnend eine kalte Dusche Meerwasser abbekommen könnte. Was trotz dieser Warnung noch ein paarmal passierte. Mein Vorgänger verließ mit Sack und Pack auch gleich das Schiff. Es war eine große Umstellung für mich. Davor hatte ich noch gutsituierte Offiziere im Offizierskasino im Hauptquartier der US-Streitkräfte bedient, und nun die rauhen Seebären die zum Teil auch noch unberechenbar waren. |
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Meine Reiseroute mit der MS Helga Russ war: Brunsbüttelkog (Schleswig-Holstein) - Turku - Rauma (beide Finnland) - Kiel - Turku - Mäntyluoto (Finnland) - Kiel - Rotterdam - Kiel - Brunsbüttel - Rotterdam - Amsterdam - Brunsbüttel - Kiel - Turku - Mäntyluoto - Kiel. Die Helga Russ hatte 1.373 BRT (Brutto Register Tonnen) und ihr internationaler Schiffscode war DGVJ, dies steht in meinem Seefahrtsbuch. |
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Mein Tagesablauf an Bord war folgender. Morgens um halb sechs wurde ich von einem der wachhabenden Matrosen geweckt. Dann ging ich in die Pantry, sagte davor dem Koch in der Kombüse noch Guten Morgen, so konnte ich gleich mal sehen wie er aufgelegt war. Neben der Pantry befand sich immer die Messe (der Speiseraum). Dann habe ich die Frühstücksteller, das Besteck, Kaffeetassen, das Schnittbrot, die Butter, sowie Marmelade und Käse und Zucker auf die Tische gestellt, wie in einem Hotelrestaurant. Wenn die Mannschaft dann zum Frühstück kam, brachte ich dann noch die großen Kannen Kaffee und Tee. Diese Angaben gelten auch für alle weiteren Schiffe. Nach dem Frühstück wusch ich das Geschirr, natürlich von Hand. Danach hieß es die Kabinen der Mannschaft aufzuräumen und sauberzumachen. Das beanspruchte einige Stunden. Die Gänge mußten gereinigt werden, auch die Messe und die Pantry. Gegen zehn Uhr war Teezeit, wieder entsprechendes Geschirr auf die Tische stellen, Kaffee und Teewasser kochen und eine Kleinigkeit zum Essen anbieten, das konnte auch Knäckebrot oder ähnliches sein. Nach dem zweiten Frühstück gingen die Reinigungsarbeiten weiter. Gegen elf Uhr dreißig bereitete ich das Mittagsgeschirr vor, je nach dem, was auf der Speisekarte stand. Das Essen wurde von mir tellerweise von der Kombüse geholt. Nach dem Geschirrabwaschen hatte ich meine wohlverdienten zwei Stunden Mittagsruhe. Dann war wieder Kaffeezeit, wieder Kuchenteller und Tassen auf die Tische, und dazu Kaffee und Tee. Danach folgte gemächlich der Rest der Reinigungs- und Aufräumarbeiten. Etwa um 17 Uhr 30 habe ich das Abendbrot vorbereitet. Um etwa 19 Uhr 30 war ich mit allem fertig. Dann begannen für mich die Musestunden. (weiter im Kasten rechts) |
... Am Anfang bestanden diese Musestunde im Zusammensitzen mit den anderen. Man erzählte, diskutierte, trank Bier, manchmal zu viel, nahm andere auf den Arm. Ich hätte mir Letzteres am Anfang nicht erlauben dürfen, da wäre schnell Blut geflossen, wahrscheinlich meines. Ich ging auch gerne an Deck und lauschte an der Reeling dem Meeresrauschen oder suchte den Horizont nach Land, Inseln oder Schiffen ab. Später begann ich zu lesen und Musik zu hören und, von schönen Mädels zu träumen. Primitive Unterhaltungen, vielleicht auch noch in alkoholisierter Umgebeung, waren nicht meine Sache. In der Messe waren die Tische am Boden festgemacht, man muß ja an den Seegang (das Schauckeln) denken. Auch die Stühle konnten bei Bedarf befestigt werden, und an den Tischen konnte man seitlich einen Rundumrahmen hochziehen, abteilen und fixieren, dadurch konnte das Geschirr bei Wellengang nicht hinunterrutschen. Aber damals wußte ich das alles noch nicht, ich war ja noch ein Anfänger. Jeder hatte seinen festen Stammplatz in der Messe, auch ich. Die Speisekarte: Im großen und ganzen unterscheidet sich die Seemannsküche kaum von der an Land, die Küche heißt übrigens Kombüse. Da die Seeleute hauptsächlich aus dem Norden Deutschlands kamen, war die Kost entsprechend. Der Freitag war häufig der Fisch- und Eintopftag. Mit den halbrohen Matjes-Fischen konnte ich überhaupt nichts anfangen, da machte ich mir stattdessen eben ein Käsebrot oder ähnliches. Genauso wollten manche den Strammen Max, das ist passiertes, rotes Rohfleisch, das auf ein Brötchen geschmiert gegessen wurde. Für mich war das schon fast ein bißchen eckelig, kannibalisch. |
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Unsere Fahrt ging an diesem 1. März in Richtung Turku in Südwest-Finnland. Wochentags hatte ich von 6 Uhr bis 13 Uhr und von 14 Uhr 30 bis 19 Uhr Dienst, sonntags ab 7 Uhr. Die Ostsee war fast durchgehend zugefroren. Schon andere Schiffe hatten sich durch das Eis gegraben und türmten dabei links und rechts große Eisbrocken auf. Das Eis kann sehr dick werden. Die erste Nacht brach an, der Himmel war wolkenlos und über diese eisige Mondlandschaft schien der Mond. Ich hörte, an der Reeling stehend, nur das Brummen der großen Schiffsmotoren und dazu das Knacken des Eises auf dem Meer. Es sah aus, als befände ich mich auf einer anderen Welt. Natürlich blieb dieses kleine Schiff auch im Eis stecken. Dann fuhr der Steuermann das Schiff ein Stück zurück und nahm, mit leichter Richtungsänderung, einen neuen Anlauf, und so ging das stundenlang fort. War das Einlaufen in den Hafen von Turku spannend! Es war ja das erstemal. Meine Phantasien wetteiferten miteinander, das Anlegen des Schiffes und Abfertigen durch den Zoll konnte gar nicht schnell genug gehen. Aber der Zoll trödelte herum und stöberte überall herum, nach was suchten Sie bloß? Nach Schmuggelware! Nicht das die Matrosen es notwendig gehabt hätten, nein, das Schmuggeln ist ein prickelndes Abenteuer, eine Mutprobe. Wie lief den das Schmuggeln ab? Zuerst hatten sie günstig Rauchwaren, Kognak, Whiskey und Rum eingekauft. Dann versteckte man es irgendwo, das Irgendwo konnte im Rettungsboot, hinter der Kabinenverkleidung, kurz hinter allem, was nicht niet- und nagelfest war, sein. (weiter im Kasten rechts) |
Man hatte ja Zeit, sich sein sicheres Versteck zu suchen. Denn wenn dann der Zoll an Bord kam, wurde der Lagerraum in welchen die Verkaufswaren für die Seeleute lagerten, versiegelt, und das blieb er, bis das Schiff den Hafen wieder verließ. Nach dem Zoll wurden die nichtentdeckten Waren heimlich an die Hafenarbeiter verkauft oder besser gegen Geld eingetauscht. Einmal sah ich, wie ein Zöllner am Körper eines Hafenarbeiters eine Flasche Kognak entdeckte, sie ihm abnahm, und sie vor den Augen des armen Mannes entleerte. Bei den kleinen Verdienst der Arbeiter, muß dies eine bittere Erfahrung gewesen sein, den flüssigen Trost so auf die Erde fließen zu sehen. Ich selbst habe dieses prickelnde Abenteuer nur einmal erfolgreich versucht, habe dem finnischen Staate dafür aber bei den mehrwöchigen, winterlichen Zwangsaufenthalten ja auch Geld dort gelassen. In Turku ließ ich mich von ein paar anderen mitnehmen. Ach ja, schon Tage bevor ein Schiff in einem Hafen einfährt, wurde eine Namensliste herumgereicht, in der jeder Seemann seinen Geldvorschuß für den nächsten Hafen eintragen konnte. Für mich gab es da natürlich noch nicht viel. Nach fünf Tagen Turku folgten drei Tage Rauma, es liegt nördlich von Turku. Rauma selbst liegt weit weg vom Hafen. Als ich mit meiner Arbeit fertig war, waren die anderen Seemänner schon lange weg. Alleine zog sich der Weg sehr in die Länge, der Schnee knirschte unter meinen Schuhen, das Thermometer hätte wohl mindestens minus 20 Grad angezeigt. Irgendwann nach Mitternacht führte uns der Weg wieder zurück zu unserem Schiff, der Ausflug hatte sich nicht gelohnt. Am 13. Tag meiner Seefahrt ging es zurück nach Kiel, was etwa drei Tage dauerte. Die Ostsee war bei der zweiten Fahrt schon so tief zugefroren, daß es kein Weiterkommen mehr gab. Der Kapitän bestellte einen Eisbrecher, ein russischer Eisbrecher hielt sich ja für diese Fälle in der Ostsee bereit. Er kam dann irgendwann in der Nacht, und brach uns eine Fahrrinne durch das dicke Eis. Auch diesesmal hatten wir klare Mondnächte. |
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Am 20. März machten wir wieder in Turku fest und am 25. in Mäntyluoto. Aufgrund der winterlichen Wetterverhältnisse, hatten die Finnen nicht immer gearbeitet und so dauerte unser Aufenthalt gleich zwei Wochen, zwei Wochen Winterurlaub in Finnland. Und da war die achtzehnjährige Hazel Cl.., sie kam mit ihren Eltern aus England. Sie paßte mit ihrer etwas melancholischen Art hierher. Sie hörte gerne das langsame Lied .. don't forget, to remember me ... (vergiß nicht, dich an mich zu erinnern, oder so). Einigemale habe ich mit ihr zusammengesessen und tanzte auch mit ihr. Ihre Küsse verlangten nach mehr. Es ergaben sich manche schöne Bekanntschaften, und ich staunte, daß die Finnen, jung wie alt, deutsch sprachen. Wie schön muß es doch im Sommer in Finnland sein! Diese ruhige und unverbrauchte Natur! Die Menschen kamen mir etwas melancholisch vor, passend zu dieser Natur. Die Finnen sind sehr freundlich, wie oft hörte ich doch das Wort kitos, was soviel wie danke heißt. Die finnischen Nächte waren lang, allerdings nur an Bord, denn bis auf ein paar ganz wenige Ausnahmen, mußten alle Lokale gegen zweiundzwanzig Uhr schließen. Ja und da war noch Piri, eine junge Finnin, sie war ruhig und gutmütig, mittelschlank und etwa einen Meter achtundsechzig groß, blond. Er, hieß Jose (Chosee) und war aus Spanien, er arbeitete auf der MS Helga Russ als Decksmann. Piri und Jose kannten sich schon von früheren Fahrten. Piri wußte von Jose wann das Schiff in den ersten finnischen Hafen einfährt. Schon in Turku hatte sie auf seine Ankunft gewartet, und blieb bei ihm bis das Schiff Mäntyluoto verließ. Deshalb erfuhr ich, daß Jose für manche Nächte, der Piri alleine eine ganze Kiste deutsches Bier zur Verfügung stellen mußte. Da staunte ich nicht schlecht. In manchen Häfen gab es christliche Seemannsmissionen. Dazu erinnere ich mich noch sehr gerne an Pastor Rosenstein in der Seemannsmission Satamakatu 27 in Turku, und Pastor Popp in Dublin, Irland. (weiter im Kasten rechts) |
Gerne las ich die in den Missionen ausgelegten christlichen Blätter Laß fallen Anker, Freundesbriefe für den deutschen Seemann, aus Hamburg Altona. In Rotterdam, am 11. April, hatte ich vier Tage Zeit um mir diese interessante Stadt anzusehen, natürlich nur während der freien Nachmittags- und Abendstunden. Es folgten zwei Tage Amsterdam, ist auch eine sehr schöne Stadt. In Holland fiel mir auf, das in manchen Wohnungen, selbst im Erdgeschoß, keine Vorhänge benutzt wurden, ich konnte in die Wohnungen hineinsehen. Es gab leider auch Straßenbahnen die einen Raucherwaggon mitführten. Kiel erreichten wir am 18. und Turku am 21. und Mäntyluoto am nächsten Tag. Und wieder blieben wir fast zwei Wochen, langsam fühlte ich mich in Mäntyluoto zu Hause. Ich hatte schon eine befreundete Familie, bei der ich stets eingeladen war. Fahrten die nur an der Nordsee oder Ostsee stattfinden, werden als Kleine Fahrt bezeichnet. Ein paar Worte finnisch oder besser suomi, wie die Finnen sagen. Ich schreibe wie man es spricht. Mädchen = ne'iti, junger Bursch = boyka, Milch = maitoja, Bier = oluta, Guten Morgen = hüver woimena , deutsch = saksalainen, danke = kitos; eins, zwei, drei vier, fünf, = üksi, kaksi, kolomne, nälje, visi. Schimpfwörter will ich hier nicht anführen. Laut meinem mir noch vorliegenden Kündigungsschein, heuerte ich am Dienstag den 21. April, morgens um 9 Uhr ab und begab mich nach dem Urlaub am 14. Mai auf die MS Hornstern der Reederei Horn, damals Baumwall 3 in Hamburg. Später erfuhr ich, daß die MS Helga Russ nach Rumänien verkauft wurde. Trotz aller anfänglichen Ängste beim Besteigen der Helga Russ, fand ich meine erste Fahrt sogar romantisch, und was gibt es schöneres als Romantik. Noch ein Wort zum Urlaub, da wir auf See auch an Wochenenden und Feiertagen arbeiten mußten, erhielten wir pauschal je Monat neun Tage Urlaub. Das sind pro Jahr über drei Monate Urlaub! |
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Diesmal bekam ich die Stelle als Steward in der Offiziersmesse, auf der Helga Russ war ich in der Mannschaftsmesse. Jetzt war es ein wenig vornehmer, auch das Schiff war größer und ich verdiente mehr. Und, es ging ab in die Karibik! Vom 15. bis 22. Mai lagen wir noch in Hamburg. Am 22. Mai um 15 Uhr hieß es Leinen los. Schon auf der Nordsee wurde ich seekrank! Den 30. Mai 1970 wird mein Magen wohl nicht so leicht vergessen, Le Havre lag schon hinter uns, da fing es nämlich an. Wäre die Ostsee aus Salzwasser, so wäre diese nicht zugefroren gewesen, dann wäre ich schon dort seekrank geworden. Zwei, drei Tage dauerte dieser schreckliche Zustand, ich war seekrank und ich mußte dabei auch noch arbeiten! Natürlich mußte ich an diesen Tagen immer wieder die große Muschel im WC umklammern. Obwohl der Magen längst schon leer war und nichts mehr hochkam, zwang mich der Brechreiz immer wieder, das WC zu besuchen, so unsinnig ich das auch fand. Schrecklich war das. Cork und Dublin in Irland war schon anders als das Festland. Die Menschen etwas ruhiger, viele Lokale schlossen um 22 Uhr. Ein paarmal war ich in der Seemannsmission, wir sahen Filme an, spielten Tischtennis und klönten. In Cork hatte ich am Montag des 1. Juni, nachts um zwei Uhr ein Problem. Ich mußte dringend den Notarzt rufen, ich suchte erst einmal eine Telefonzelle, in Irland und England sind sie rot. Ein Telefonbuch war nicht da. Ich war hilflos, dabei brauchten wir schnellstens Hilfe, sonst würde sie noch verbluten, weil die andere, ihre Rivalin, ihr mit einem abgeschlagenen Flaschenhals den Hals und den Busen aufschlitzte. Sie waren unsere Freundinnen, der andere war ein Steuermann von einem kleineren Schiff aus Brake, Deutschland. Zum Glück bummelte ein Nachtschwärmer des Weges, ihn erzählte ich das Dilemma, er sagte wie und wen ich anrufen soll, aber telefonieren mußte ich selbst. Auch die Angabe der Ortsbeschreibung bekam ich noch hin. (weiter im Kasten rechts) |
Ich war noch nicht einmal zurück im Haus, da war die Polizei und bald darauf der Notarzt, oder wie man das dort nannte, auch schon da. Die Polizei fragte nicht viel. Und es fing alles so harmlos und erwartungsvoll an. Es war abends und ich war auf dem Nachhauseweg, schon beinahe am Schiff, da begegnete ich einem Steuermann eines kleineren deutschen Schiffes. Er verzählte mir, das er zu seiner Freundin gehe, ich solle doch mitkommen, ich sagte gleich zu. Ich sollte etwas zum Trinken mitnehmen. Na gut, dachte ich mir, nimmst'e halt 'ne Flasche Kognak mit. Die beiden Mädchen, etwa Mitte 20, wohnten mit ihren Eltern die um 60 Jahre alt waren, im ersten Stock. Die Eltern der Mädchen gingen auch bald schlafen. Wir vier hatten Bier und Kognak und einen angebrochenen Abend. Die Engländer und Iren sind etwas verschlossen, so waren auch die beiden. Die Unterhaltung ging nur langsam voran. Die Mädchen wurden aufeinander eifersüchtig, weil sie gerne ihre Freunde getauscht hätten, wir aber nicht die Mädchen. Nun ja, der Alkohol stieg ihnen zu Kopfe, irgendwann, es war schon nach ein Uhr, verschwanden sie in der Wohnung. Auf einmal hörten wir Schreie, fürchterliche Schreie, ich stürzte hinein, da sah ich eine blutüberströmt, den Busen und Hals aufgeschlitzt. Die Täterin, die Tatwaffe in der noch erhobenen Hand, starrte mich ausdruckslos an. Wir trennten die beiden und entwaffneten die Angreiferin. Die Eltern ließen sich nicht blicken. Ich war während meiner Seefahrtszeit meistens derjenige mit den besseren Sprachkenntnissen, so auch jetzt. Deshalb lief ich los um so schnell wie möglich ärztliche Hilfe zu holen. Das Mädchen überlebte. Am 3. Mai nachts um zwei Uhr verließen wir Cork. Als wir Dublin am 4. um 16 Uhr 30 verließen standen die beiden auf einmal am Pier, meine Rothaarige und die Schwarzhaarige, sie waren mir nachgefahren. Der Abschied war ein Abschied für immer, es gab lediglich noch einmal eine Korrespondenz. Die Biscaya hat es in sich, weil dort das Meer so stürmisch und unberechenbar ist, trotz des schönen Liedes ♫... am Golf von Biscaya, ein Mädel am Strand, ein blonder Matrose, hält sie bei der Hand, ...♫. Selbst Motorschiffe kommen nur langsam voran. Mir kam es dort manchesmal vor, als würden wir zwei Meter vorwärts und einen rückwärts fahren. Nach drei Tagen und fünfzehn Stunden legten wir auf den Azoren an. Im Sommer strotzen die Azoren vor lauter Blumen, und was da alles blühte, Blumen die ich vorher nie gesehen hatte. Die Azoren sind eben eine Pforte zu den Tropen. Ponta Delgada besitzt noch eine kleine alte Festung, Forte de San Braz, und architektonisch schöne alte Gebäude wie z. B. die Bibliothek und das Theater. Die Seekrankheit war vorbei, ich fühlte mich wieder super und war voller Erwartung und Phantasien über die immer näherrückende Karibik. In meiner Kabine hatte ich bereits eine Weltkarte aufgehangen, auf dieser zeichnete ich alle meine Schiffsreisen ein, diese Karte habe ich noch. |
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Die Leser mögen mich bitte nicht falsch verstehen, ich bin eben auch nur aus Fleisch und Blut und einer kleinen Seele, die heute aber schon viel größer ist. Und so schwärmte auch ich schon von tropischen Stunden zu zweit. Die Matrosen machten mich bei ihren Erzählungen ja so richtig scharf darauf. Aber darüber will ich nur sehr spärlich berichten, denn, sonst bekämen die Leser von mir gar noch einen falschen Eindruck, ich bin nämlich durchaus ein anständiger christlicher Mann geblieben, für den Gott kein Phantasiewesen ist. Und immer wieder blickte ich auf das endlos weite Meer hinaus, um ein Schiff, eine Insel oder einfach irgend etwas zu erblicken. Am Donnerstag den 11. Juni gab der Funker folgende Daten bekannt: Position: 31 Grad 25 Minuten nördliche Breite, 43 Grad 13 Minuten westliche Länge, Wasser 24 Grad, Luft 25 Grad, Geschwindigkeit 15,27 Seemeilen. Sechs Tage und neun Stunden waren wir seit den Azoren auf See, und jetzt in San Juan, der Hauptstadt von Puerto Rico (reicher Hafen), regnet es, aber wie. Wenn es hier regnet, werden die Himmelsschleusen ganz plötzlich und total geöffnet. Aber danach werden die Wolken ganz schnell wieder weggeschoben. Vom US-Einwanderungsbüro, Puerto Rico ist zu einem Land der USA gemacht worden, erhielten wir eine schriftliche Landgangserlaubnis (Crewman's Landing Permission). Auf meiner stand unter Heimatadresse no address, on board only, also, keine Heimatadresse, nur an Bord zuhause. Solche Erlaubnis- (Passier-)Scheine gab es in allen ausländischen Häfen. San Juan ist eine sehr alte spanisch geprägte Stadt, mit Spanisch kam ich hier weiter als mit englisch. Allerdings werden in der Karibik beide Sprachen karibisch gefärbt. Man muß manchmal schon sehr genau hinhören, um zu verstehen, was der Sprecher sagt. Ein altes Fort gibt es hier, da es vom Schiff nicht weit war, ging ich hinauf, zum Castillo El Morro, dabei sah ich auch die mächtige lange Stadtmauer. Täglich tippte der Funker die vom Hamburger Abendblatt per Morsezeichen übermittelte Bordzeitung mit den wichtigsten Meldungen der deutschen Zeitungen. Ich habe mehrere aufbewahrt z.B. auch für den 17. Juli 1970. Trinidad! Vierzig Stunden benötigten wir von Puerto Rico nach Trinidad. Der Funker meldet unter anderem: 30 Grad Wasser- und Lufttemperatur. Am 14. Juni um 14 Uhr liefen wir ein, d.h. erst einmal auf Reede, das bedeutete die Anker werfen. Mit unserem Motorboot fuhren wir dann rüber zum Hafen. In meinem Notizbuch lese ich, das der Motor plötzlich streikte, so mußten wir rudern, ich auch. Erst am Sonntag den 4. konnten wir am Pierre 2 anlegen. Die Zufahrt nach Port-of-Spain, der Hauptstadt, ist mit bizarrer Gebirgsformation geprägt, in den Bildern rechts nicht sichtbar. (weiter im Kasten rechts) |
Fotos oben: Das Meer vor Port-of-Spain, der Hauptstadt. Schon die Seeräuber früherer Jahrhunderte werden die Berge bewundert haben. Kaum waren wir eingelaufen (das Schiff im Hafen festgemacht) erwarteten wir schon sehnlichst unseren Vorschuß, ich ganz besonders, ich war jung, voller innerem Feuer und das erstemal hier. Trinidad ist schon anders als die Azoren und erst recht anders als das menschlich kalte Europa. Was mir in der Karibik und Lateinamerika, ja schon auf den Azoren begegnete, das war die militärische Bewachung von Banken und öffentlichen Gebäuden. Da glaubt man, daß die Regierungen sich ständig vor einem Putsch fürchten. Im ersten Moment ist das ein bißchen verunsichernd. In San Fernando, ganz im Süden von Trinidad, hatte ich eine Brieffreundin. Für sie hatte ich ein kleines Flakon Parfum mitgenommen. Aber der Zoll ließ mich damit nicht durch, verboten. Erst später lernte ich, wie dieses verboten zu verstehen war, nämlich, daß die Männer vom Zoll zuhause hungrige Mäuler hatten deren Ernährung Geld kostete. Am Taxistand erfuhr ich, daß es nach San Fernando nur Sammeltaxis gab, das heißt es fährt erst ab wenn es voll ist. Nach etwa einer Stunde war es soweit, ich ließ mich gleich zur Bezahlung der Rückfahrt überreden, ich als einziger. Dies hätte ich besser nicht gemacht. Die Fahrt war recht schön, wir fuhren zuerst über eine Autobahn, vorbei an Zuckerrohrplantagen dann durch einfache, tropische Dörfer. Die Reise dauerte etwa eine und eine halbe Stunde. San Fernando ist ein sehr schönes Städtchen, die schöne Bibliothek muß man gesehen haben. Ein Polizist auf der Kreuzung trug damals noch einen Karabiner, keine Pistole. |
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